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Moraltheologe erklärt sozialethisches Erbe Joseph Ratzingers

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DOMRADIO.DE: Wie bringt man Joseph Ratzinger und die Sozialethik zusammen? Man könnte eher denken, der Sozialpapst ist Franziskus, während Benedikt der Theologe war, der sich mit den Glaubensfragen beschäftigt hat. Ist das ein Widerspruch? 

Prof. Dr. Peter Schallenberg (Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Paderborn und Sozialwissenschaftler): Nein, das ist kein Widerspruch. Man darf nicht vergessen, dass Joseph Ratzinger seine Doktorarbeit über Augustinus und seine Habilitationsarbeit über den Heiligen Bonaventura geschrieben hat. Und Augustinus ist der, der ihn, nach eigener Aussage, durch sein ganzes theologisches Leben hindurch am meisten geprägt hat.

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Augustinus denkt ja in der Zeit des untergehenden weströmischen Reiches darüber nach, was eigentlich der Unterschied zwischen Kirche und Staat ist. Er kommt zu einer Erkenntnis, die dann für das Christentum sehr wichtig geworden ist: Die Kirche ist zunächst eine unsichtbare Größe, die in den Sakramenten der unsichtbaren Gnade, die wir empfangen und in dem Empfinden der Liebe Gottes in der menschlichen Seele lebt.

Dann kommt erst die äußere, sichtbare Kirche. Daneben gibt es das Gemeinwesen, das sich im Kompromiss und politischer Aktivität ordnen muss, damit Gerechtigkeit herrscht. Aber Liebe kann nie hergestellt werden. Liebe gibt es nur von Gott, Gerechtigkeit vom Staat. 

DOMRADIO.DE: Welche Rede oder welcher Text aus der Feder von Joseph Ratzinger war oder ist für Sie eine seiner großen Leistungen in der Sozialethik? 

Schallenberg: Da würde ich am ehesten die Enzyklika „Caritas in veritate“ nennen. Sie ist eine ausgesprochen sozialethische Enzyklika, mit sehr grundlegender Bedeutung. Sie geht nicht so sehr wie die sozialethischen Verlautbarungen von Papst Franziskus auf Einzelprobleme ein. Sie klärt die Grundlage des Gemeinwohls. 

Personalismus war für Joseph Ratzinger immer ein wichtiges Stichwort. Der Mensch sollte seiner Meinung nach als Person aufgefasst werden, der mit einer nicht verwertbaren und nicht verwendbaren Würde ausgestattet ist. Also mit einer Würde, die in sich steht und von Gott gegeben ist. 

Ich möchte auch noch auf eine Rede aufmerksam machen, die im Windschatten der Ratzinger-Geschichte segelt, aber meines Erachtens sehr wichtig ist. Am Vortag des Todes von Johannes Paul II., am 1. April 2005, hielt Joseph Ratzinger in Subiaco am Ort des Heiligen Benedikt von Nursia, des Patrones Europas, eine Rede. Da sind sehr schöne Aussagen drin. Unter anderem die schöne Aussage, dass man sich seit dem 30-jährigen Krieg angewöhnt habe, in Europa um des Friedens willen so zu leben, als gäbe es Gott nicht, damit man sich nicht im Namen Gottes die Schädel einschlägt.

Und jetzt, sagte Joseph Ratzinger, sei vielleicht die Zeit, dass man genau das Umgekehrte wieder versucht, dass man so lebt, als gäbe es Gott. Was würde sich dann wohl für Politik, für Staat und für das Gemeinwesen ändern? 

DOMRADIO.DE: Was können wir heute aus dem sozialethischen Erbe Joseph Ratzingers lernen? 

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Schallenberg: Erstens, dass es zwischen Kirche und Staat eine relativ klare Trennung gibt. Das ist unter anderem auch das, was der deutsche Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde mit seinem berühmten Diktum: „Der Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“, gemeint hat. 

Ratzinger nennt das die „vorpolitischen Grundlagen des Staates“. Romano Guardini (Religionsphilosoph und Theologe, Anm. d. Red.) hätte das „den Staat in uns“ genannt, dass man in sich ein Bewusstsein von Verantwortung, Würde, Gerechtigkeit trägt. Und nur wenn das durch Bildung in einem Menschen entfaltet ist, kann er in die Politik gehen und für das Gemeinwesen wirken.

Trennung von Kirche und Staat heißt in diesem Fall: Erst kommt die Gewissensentscheidung und der Raum der familiären Lebensweise, dann der Staat, also das äußere Regeln des Zusammenlebens.

Peter Schallenberg

Das Zweite was man meiner Meinung nach lernen kann und worauf Ratzinger immer wieder hinweist, ist das, was wir in der Präambel des Grundgesetzes haben: „In Verantwortung vor Gott und den Menschen.“ Es reicht nicht, einfach einem x-beliebigen Gewissen zu folgen, man muss sein Gewissen einer Instanz gegenüberstellen, die mehr bedeutet, als nur eine eigene Interessenverwertung. Man hat also nicht einfach nur eine Verantwortung sich selbst gegenüber.

Man muss sich also vorstellen, es gäbe jemanden, der das Recht hat, mich befragen zu dürfen, ob es gut war, was ich getan habe.

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Das war ja der Sinn der Präambel, als das Grundgesetz 1949 beschlossen wurde. Dieser Gedanke tauchte schon vor 4.000 Jahren bei den alten Ägyptern auf.

DOMRADIO.DE: Jetzt scheiden sich an Joseph Ratzinger immer noch die Geister. Zuletzt sorgte eine Auseinandersetzung um seine Habilitation wieder für Aufruhr. Warum polarisiert diese Gestalt auch nach dem Tod so sehr? 

Schallenberg: Eine erste, mögliche, aber vielleicht einfache Antwort wäre: Weil er so genial gewesen ist. Weil er Dinge so klar benannt hat und nicht im Ungefähren bleibt. Weil er zuspitzt, manchmal auch polemisch. Weil er um der Wahrheit willen den Dingen auf den Grund geht. 

Es gibt aber noch eine zweite Antwort, die vielleicht komplizierter ist. Auf die hat einer seiner Schüler, Siegfried Wiedenhofer, einmal sehr schön aufmerksam gemacht. Joseph Ratzinger entschied sich in der Zeit nach dem Konzil für die Richtung der Identitätsgewinnung der Kirche. Es gibt aber noch eine andere Richtung, die mehr auf die Relevanzgewinnung der Kirche setzt.

Peter Schallenberg

Wir sehen das bis heute in der Auseinandersetzung. Es geht eigentlich nicht um den Unterschied zwischen konservativer und progressiver Herangehensweise. Es geht mehr um die Frage, ob wir um jeden Preis Relevanz haben wollen oder ob es eine unveräußerliche Identität des Christentums gibt, auch des katholischen Christentums, die vielleicht auch wiedergewonnen werden muss. 

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Ratzinger war überzeugt, dass es diese Identität gibt. Sie wird nur im Rückgriff auf die Heilige Schrift und die Kirchenväter deutlich. Daher kam sein Reformgedanke, die neue Scholastik zu überwinden und dann aber sehr deutlich zu machen, dass das die Identität und das Wesen des Christentums ist, das unbedingt bewahrt werden muss.

Das ist dann, wenn man so will, die konservative Herangehensweise, die nicht, um irgendeiner flüchtigen Relevanz willen, aufgegeben werden darf.

Das Interview führte Jan Hendrik Stens.


Benedikt XVI. war der erste Papst der Neuzeit, der freiwillig sein Amt abgab. Dabei berief er sich auf sein Gewissen – obwohl er dieser Instanz stets misstraute und theologisch ganz andere Schwerpunkte setzte. Wie wohl kein Papst vor ihm ist Benedikt XVI. auch auf dem Stuhl Petri ein Theologe geblieben.

Bereits als junger Wissenschaftler gehörte er zu den führenden deutschen Dogmatik-Professoren, die das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) prägten. Später entfremdete er sich immer mehr von seinen Kollegen.

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