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Wenn der Billig-Bestatter das letzte Geleit übernimmt

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Bestattungsplanung

Berlin

Wenn der Billig-Bestatter das letzte Geleit übernimmt

Do 11.01.24 | 13:44 Uhr | Von Anna Severinenko

Bestattungsplanung

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Wenn im Leben gespart werden muss, bleibt meist kein Geld für die Beerdigung. Des einen Tod wird dann zum Geschäft eines anderen: Hartmut Woite bietet in Berlin sogenannte Discount-Bestattungen an. Wie funktioniert das? Und: Wo bleibt die Pietät? Von Anna Severinenko

Ein Friedhof in Berlin-Mitte, es regnet. Zwei kniende Engel führen zu einer kleinen Kapelle auf dem Domfriedhof der St. Hedwigs-Gemeinde. In der Mitte des Gewölbes steht eine Urne, drei weiße Blüten auf ihr. Die Bestattung beginnt in zehn Minuten. Die Kapelle hat Platz für rund 20 Gäste, aber die Bänke sind leer. Kein Foto, das den Verstorbenen zeigt. Keine Blumensträuße, kein Name. Niemand spricht ein Gebet oder erinnert in einer Rede an sein Leben, niemand weint oder trauert um den Toten. Stille und Leere. Einsamkeit.

Bernd Simon ist der „Vorläufer“ des Friedhofs. Er bringt die Urnen der Verstobenen an ihre Grabstätten. Simon schaut auf die Uhr: „In fünf Minuten geht’s los, ich glaube nicht, dass noch jemand kommt.“ Ein letzter Blick zur Engelspforte. Dann hebt Simon die Urne an, eine Aschekapsel ohne teures äußeres Gefäß, und trägt sie in langsamen Schritten auf den Friedhof. Der Verstorbene hat weder Angehörige, noch Geld für seine Beisetzung hinterlassen. Die bedeutungsvollen Schritte von Bernd Simon passen nicht zur Abfertigung zum kleinen Preis, Zeit ist Geld, selbst wenn die eigene Lebenszeit abgelaufen ist. In 45 Minuten steht seine nächste Beisetzung an.

Die letzte Rechnung soll günstig ausfallen

Hartmut Woite ist Geschäftführer der Berolina Bestattungsinsitut GmbH „Sargdiscount“. Sein Geschäftsmodell ist es, diese letzte Rechnung besonders günstig zu machen – und bei vielen Verstorbenen sogar kostenlos. Woite ist schon lange im Geschäft. Er sei um die 80 Jahre alt, sagt er. Ein kleinerer Mann mit leuchtend blauen Augen in einem eleganten Wollmantel, ein leises Lächeln auf den Lippen.

Wenn Menschen sterben, ohne Geld für ihre Bestattung zu hinterlassen, dann werden die Behörden aktiv: Die Gesundheitsämter suchen zuerst nach der Familie, die für die Bestattung des oder der Verstorbenen aufkommen muss – Großeltern, Eltern, Geschwister, Ehepartner, Kinder oder Enkel. Wenn die Familienmitglieder gefunden wurden, sich die Beisetzung aber nachweislich nicht leisten können, dann können sie eine Sozialbestattung beantragen, die vom Sozialamt finanziert wird.

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„Günstiger Abschied in Würde“ ab 999 Euro

Wird niemand gefunden, um die Kosten zu übernehmen, wird die Stadt zum nächsten Angehörigen. Sie bezahlt eine Armutsbestattung, auch „ordnungsamtliche Beerdigung“ genannt. Das muss möglichst wenig kosten. Das Bezirksamt wählt dafür das günstigste Bestattungsunternehmen aus – und damit ist Hartmut Woite im Geschäft.

Eine Bestattung kostet in Deutschland durchschnittlich 12.500 Euro. Ein Komplettangebot für eine Feuerbestattung, „Günstiger Abschied in Würde“, gibt es bei ihm schon ab 999 Euro.

Wie schafft er es, das Beerdigungs-Prozedere so günstig abzuwickeln? Und wo bleibt die Pietät, wenn man von einem Unternehmen bestatten lässt, das sich durch Billig-Preise auszeichnet. „Das Wort Discount steht bei uns für Preistransparenz, nicht für den Verlust von Leistungen“, heißt es dazu auf der Website. „Wir tun alles dafür, dass aus jeder Beerdigung ein würdevoller und einzigartiger Abschied wird.“

Der Tod kostet nicht nur das Leben

Der Preis von 12.500 Euro für eine durchschnittliche Bestattung in Deutschland setzt sich aus verschiedenen Ausgaben zusammen: Das meiste Geld kostet der Grabstein (5.000 Euro). 3.500 gehen durchschnittlich an das Bestattungsunternehmen für Überführung, den Sarg oder die Urne und die Aufbahrung. Je nach Beerdigung kann das auch günstiger sein. Feuer und See-Bestattungen sind in der Regel nicht so teuer wie klassische Erdbestattungen.

2.500 Euro sind die Kosten für das Grab und die Beisetzungsgebühr. Durchschnittlich 1.800 Euro geben die Deutschen für Todesanzeige und Leichenschmaus aus. Beim Floristen lassen die Trauernden etwa 300 Euro und ein:e Friedhofsgärtner:in kostet etwa 300 Euro im Jahr. Der Tod ist keine günstige Angelegenheit.

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Bis 2004 wurde immerhin ein Anteil vom Staat übernommen durch das sogenannte Sterbegeld. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlten bis dato jedem Mitglied im Todesfall in der Regel 525 Euro. Das fällt seitdem weg, also muss sich jeder Mensch oder seine Angehörigen um Bestattungskosten kümmern.

Fragen zur eigenen Beerdigung

Ortswechsel. „Sie sind hier, um eine Bestattung zu planen.“ – „Ja, meine eigene.“ Frau Banse, um die 80 Jahre alt, sitzt gut gelaunt in einer der vier Filialen von „Berolina Bestattungen Sargdiscount“. Sie möchte einen Vorvertrag aufsetzen – so heißt es, wenn man die eigene Beerdigung bucht. „Wie möchten Sie bestattet werden? In einem Sarg oder Urne?“ – „Urne.“ – „Was sind Ihre Lieblingsblumen?“ – „Rosen, bunte.“ Aus einem Katalog sucht sie für sich ein Blumen-Gesteck aus, das sie zahlen, aber nie selbst sehen wird. „Was hören Sie gerne, welche Musik soll bei ihrer Bestattung laufen?“ Frau Banse überlegt: „Ich mag Schlager.“ Sie habe „auch etwas Herzklopfen“, sagt sie. „So ein Gespräch geht nicht einfach an einem so vorbei.“

Frau Banse hat im Vorfeld eine Sterbegeldversicherung abgeschlossen. Mit Berolina hat sie bereits ihren Mann bestattet, erzählt sie. Die Beerdigung lief zu ihrer Zufriedenheit ab, andächtig und günstig. Sie will auch für sich selbst nicht so viel Geld ausgeben und vor allem ihre Kinder nicht damit belasten, deshalb hat sie angespart. Nicht nur das Diesseits ist teurer geworden mit der Inflation. Die gestiegenen Gas- und Holzpreise wirken sich auch die Bestattungspreise aus, fürs Krematorium und die Särge. Doch Woite schafft es, seinen Deal mit dem Tod zu halten. Denn laut seiner Aussage werden es immer mehr Menschen, die sich ihre eigene Beerdigung oder die eines Angehörigen nicht mehr leisten können.

Ihm gehören alle einsamen Toten

„Wie ich überall die Preise verderbe“, schmunzelt er beim Erzählen. Sein Geschäftsgeheimnis: Alle einsamen Toten gehören ihm. Kaum einer in der Stadt bringt so viele Berliner:innen in ihre letzte Ruhestätte, wie „Berolina Sargdiscount“. Pro Jahr finden in Berlin zwischen 2.000 und 2.500 ordnungsamtliche Bestattungen statt. Seit 2014 beauftragt die Stadt Berlin Hartmut Woite damit, weil er berlinweit den günstigsten Preis anbietet.

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Das sind rein rechnerisch sieben Beerdigungen an jedem Tag des Jahres. Hinzu kommen die Bestattungen, die sie für die Kripo und die Gerichtsmedizin übernehmen. Und dann noch die Bestattungen, die Privatpersonen bei ihm in Auftrag geben. „Wenn jemand wie wir ein paar Tausend beisetzen, können wir natürlich preiswerter sein als jemand, der nur drei oder vier im Monat macht, und dieselbe Miete zahlen muss wie wir. Bei uns macht es nur die Masse, einfach die Menge.“ Simon, der Vorläufer vom alten Domfriedhof, erzählte uns, dass er täglich acht bis neun Beisetzungen durchführe. Alle 45 Minuten eine.

Beerdigungen sind Kalkulationsgeschäfte

Um Discounterpreise anbieten zu können, hat Woite jeden Vorgang einer Bestattung kostenoptimiert. Er bestattet oft auf dem Alten Domfriedhof der St.-Hedwig-Gemeinde in Mitte, der günstigste Friedhof Berlins. Ein Urnenbegräbnis in einer Gemeinschaftsanlage kostet dort 365 Euro, Namenschild inklusive. Die Blumen auf der Urne sind Bernd Simon, dem Vorläufer des Friedhofs zu verdanken.

Auch beim Krematorium verbrennt er kein Geld, denn er fährt seine Toten meist nach Tschechien. Dort ist das Kremieren günstiger, auch weil die CO2-Steuern niedriger sind. Mit den schlichten, schmucklosen Bestattungen ohne Musik und Reden fallen viele weitere Kostenfaktoren einer klassischen Beerdigung weg.

Mindert sich dadurch auch der Respekt oder die Würdigung der Toten? „Dem Toten ist das schnuppe, er merkt ja nichts mehr davon. Die Reden und der Leichenschmaus und Blumen auf dem Grab, das sind Rituale für die Hinterbliebenen. Die Toten brauchen das nicht mehr. Die Pietät bringen wir allen unseren Kunden gleichermaßen entgegen, ob bezahlte Bestattung oder ordnungsamtliche. Durch einen respektvollen Umgang.“ So platziert sich Woite zwischen Geld und Andacht.

„Eine innere Befriedigung“

Viele Bestattungen bedeuten aber auch, viel menschliches Leid mitzukriegen, vor allem, wenn man fast ein halbes Jahrhundert lang Tote abholt. Das sei manchmal schwierig, sagt Woite. Und: Trotz seiner jahrzehntelangen Erfahrung wurde er aus der Bestatter-Innung ausgeschlossen. Ende der 90er-Jahre hat er öffentlich im Fernsehen über die Korruption in seinem Geschäft gesprochen, zu der die Staatsanwaltschaft ermittelte.

An seiner Arbeit hält er trotzdem fest, obwohl er das Rentenalter längst überschritten hat. „Jemandem den Gefallen zu tun, den er geäußert hat, wie er selbst oder sein Verstorbener beigesetzt werden soll, und Sie können das umsetzen, das ist richtig schön. Eine innere Befriedigung.“

Sendung: rbb24 Abendschau, 10.01.2024, 19:30 Uhr

 

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